Energiewende

Unzählige Studien belegen inzwischen den menschengemachten Klimawandel, der auf den seit Beginn des Industriezeitalters kontinuierlich angestiegenen Ausstoß von Kohlenstoffdioxid (CO2) zurückzuführen ist. Eine der Hauptursachen für die Entstehung von CO2 ist die Verbrennung fossiler Brennstoffe, wie Kohle, Öl und Gas. Auf diese Weise beeinflussen wir Menschen nicht nur das Klima auf unserem Planeten. Wir verbrauchen auch Stoffe, die sich über Jahrmillionen gebildet haben, in einem kleinen Fenster von wenigen Jahrhunderten.

Mit der Kernenergie hat man seit den 60er Jahren versucht, "saubere", d.h. CO2-freie Energie, zu gewinnen. Doch trotz des Reaktorunfalls von Tschernobyl im Jahr 1986 und der bis heute weltweit ungelösten Endlagerfrage (die uns noch Jahrtausende beschäftigen wird), kam der Wandel in Sachen Kernenergie erst 2011 mit dem dreifachen Super-GAU von Fukushima: Der Schock, dass in einem technologisch weit entwickelten Land wie Japan Derartiges passieren kann, hat endlich zu einem Umdenken geführt. Der Deutsche Bundestag beschloss in der Folge den Ausstieg aus der Atomtechnologie und die Forcierung der so genannten Energiewende.

Folgenschwerer Klimawandel, die Plünderung des Planeten und die Unbeherrschbarkeit der Kernenergie zwingen uns, neue Wege zu suchen und zu gehen. Wege, die wir schon lange hätten gehen können, da die Technik bereits vorhanden ist. Aber auch Wege, die wir erst noch beschreiten müssen, da wir manche Forschung nicht genug vorangetrieben haben.

Beim Beschreiten dieser neuen Wege sind wir alle gefordert. Die jetzt vorhandene Technologie der Gewinnung regenerativer Energien muss soweit wie möglich eingesetzt und die noch fehlende Technologie schnellstmöglich weiterentwickelt werden. Energieeinsparung und Energieeffizienz müssen ebenfalls forciert werden. Nur wenn alle drei Faktoren zusammenspielen, können wir den nachfolgenden Generationen eine Welt hinlassen, die zumindest nicht schlechter ist als die, die wir von unseren Vorfahren erhalten haben.

Die Energiewende

Die Bundesregierung verwendet den Begriff "Energiewende" für den Aufbruch in das Zeitalter der regenerativen Energien und der Energieeffizienz. Sie hat beschlossen, dass die Energieversorgung Deutschlands bis zum Jahr 2050 überwiegend durch regenerative Energien gewährleistet werden soll. Verbunden damit ist ein grundlegender Umbau der Energieversorgungssysteme.

Ziel ist es dabei, eine zuverlässige, wirtschaftliche und umweltschonende Energieversorgung sicherzustellen. Dies ist keine unerreichbare Fiktion, diverse Studien haben bestätigt, dass dies generell machbar ist, so etwa die Studie Energieziel 2050 des Umweltbundesamts (UBA) vom Juli 2010, die auf 140 Seiten mit übersichtlichen Zusammenfassungen und einer Vielzahl an Verweisquellen zeigt, dass eine 100%ige Stromerzeugung aus regenerativen Energiequellen für ein hochindustrialisiertes Land wie Deutschland ohne Abschläge, natürlich aber auch mit gleichzeitigem Umsetzen von Stromsparmaßnahmen, zu erreichen ist.

Gezeigt wird dies anhand einer stundenscharfen Simulation des Szenarios „REGIONALVERBUND“ mit Basisbetrachtung der Energiewerte Deutschlands über die Mittel- und Einzelwerte der Jahre 2006 bis 2009.

Von der Alt- zur Neustruktur

Im Bereich der elektrischen Energieversorgung bedeutet dies allerdings das konsequente Loslösen von der alt hergebrachten Struktur mit zentraler Stromerzeugung durch Großkraftwerke.

Der erste Schnitt dazu ist das Verlassen der Atomenergie, wie beschlossen. Eine knappe Broschüre “Umstrukturierung der Stromversorgung in Deutschland“ des UBA aus dem Mai 2011 zeigt:

  • der vollständige Atomausstieg ab 2017 ist ohne weitere Kohle-Kraftwerke möglich
  • die Netzsicherheit ab 2017 bleibt gewährleistet
  • Stromimporte sind nicht erforderlich
  • es sind keine negativen Auswirkungen auf den Klimaschutz zu befürchten
  • die Strompreise steigen nur moderat
  • die Energieeffizienz kann den Atomausstieg beschleunigen
  • ein beschleunigter Atomausstieg kommt der Gesellschaft insgesamt zu Gute

Die neue Energiestruktur

Die neue Energiestruktur ist auf der einen Seite dadurch gekennzeichnet, dass in weiteren Schritten die übrigen zentralen Großkraftwerke allmählich weiter heruntergefahren werden. In konventionellen Großkraftwerken werden fossile Brennstoffe verbrannt. Aus dieser Wärmeenergie entsteht dann letztlich der vom Kraftwerk abgegebene Strom in einem sehr großen Generator. Angetrieben wird dieser durch eine Turbine. Das kann mit einer Gasturbine geschehen, in die die heißen Gasen direkt geleitet werden, oder mit einer Dampfturbine bzw. einer Kombination aus beiden. Kommt eine Dampfturbine zum Einsatz, erzeugen die Verbrennungsgase in einem Zwischenschritt zunächst Wasserdampf (hier lebt der Nostalgie-Prozess der Dampflokomotive). Generell besteht bei Turbinen die Bestrebung Materialien einzusetzen, die hohen Temperaturen widerstehen, was höhere Energieausbeute bedeutet. Die Kombination aus Gas- und Dampfturbine ist hier im Vorteil. Aber immer nur ist eine Energieausbeute bis zu einer unteren Systemtemperatur möglich, darunter entsteht Wärme, die im Kraftwerk oder seinem Umfeld nicht mehr genutzt werden kann – die Abwärme. Je nach Kraftwerktyp gehen so bis zu 2/3 der Primärenergie verloren und heizen z.B. punktuell die Flüsse auf – auch ein besonderes Problem der stets mit sehr großen Leistungen arbeitenden Kernkraftwerke (= viel Abwärme), besonders im Sommer bei Niedrigwasser, was dort zur Leistungsabregelung führt.

Auf der anderen Seite ist die neue Energiestruktur gekennzeichnet durch den Aufbau und der Betrieb von vielen kleineren bis mittleren Energiegewinnungs-Einrichtungen vor Ort, dort wo der Strom unmittelbar für private Haushalt und Industrie benötigt wird. Dazu gehört der Aufbau von Speichersystemen, z.B. power-to-gas mit größeren Anlagen dort, wo viel überschüssiger Strom (wind- und sonnenreiche Tage mit wenig Abnahme) erzeugt wird, etwa in Norddeutschland und kleineren Anlagen dezentral, etwa dort, wo geringere Energiemengen erzeugt werden, so bei Binnenwindparks weiter im Landesinneren.

Hieran und nicht am Festhalten alter Netzstrukturen richtet sich übrigens auch die benötigte Netzstruktur aus – zu rasch vorangetriebener Netzausbau ohne Blick auf diesen anstehenden und noch im Aufbau befindlichen Strukturwandel ist daher zu vermeiden.

Wachsen und Entwickeln gefragt

Diese Neu-Struktur muss im oben aufgezeigten Zeitraum wachsen und sich entwickeln. Energiewende bedeutet nicht das Erreichen dieser Struktur mit dem Umlegen eines einzigen Schalters. Es ist ein Generationenprozess, der sich an das eigentliche Umsteuern anschließt. Das Abwenden von der Alt-Struktur hin zur Neu-Struktur ist der eigentliche Umsteuerungs-Prozess, zu dem sich die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger mit Konsequenz quer durch alle Parteien bekannt haben.

Netzstabilität und Versorgungssicherheit

Rasch und in immer engerer Folge machen Betrachtungen die Runde, dass die Neu-Struktur, die ja größtenteils auch noch mit Energiegewinnungssystemen bestückt ist, die eben nicht wie gewohnt Energie rund um die Uhr liefern, von vorn herein zum Scheitern verurteilt sei, weil sie ja z.B. die Netzstabilität nicht garantieren kann. In diesem Sinne seien diese sogar Schmarotzer und man müsse für jede Kilowattstunde derart gewonnener Energie im Hintergrund ein gleich großes (Schatten)-Kraftwerk (oder Bündel an Kraftwerken) in Bereitschaft haben, scheine die Sonne oder wehe der Wind nicht. Dass derartiges nicht erforderlich ist, zeigt die oben genannte Studie des UBA.

Verschwiegen, was die oben genannte UBA-Broschüre ebenso zeigt, wird hier auch nur zu gerne, dass wirkliche Höchstlastspitzen-Situationen relativ geringe Zeitphasen haben. So war beispielsweise die Last der allgemeinen Versorgung in Deutschland im gesamtem Zeitraum 2008 bis 2010 nur in insgesamt 62 Stunden größer als 75 GW bzw. nur in acht Stunden größer als 77 GW, während die Höchstlast 80 GW betrug. Diese geringe Stundenzahl ermöglicht zusätzliche Handlungsspielräume:

  • Vorübergehende Aktivierung von Notstromsystemen: In Deutschland existieren nach Expertenschätzung mehr als 20 GW an Notstromaggregaten, davon ein großer Anteil an netzgekoppelten Anlagen, insbesondere in den Bereichen Industrie und Gewerbe, die für wenige Stunden im Jahr auch zur Netzstützung aktiviert werden können.
  • Nutzung von Lastmanagementpotentialen: Die marktbasierte Erschließung von Lastmanagementpotentialen kann den von den Übertragungsnetzbetreibern ermittelten zusätzlichen Bedarf an Spitzenlastkapazitäten erheblich senken.

Die Betrachtung zu den so genannten Schattenkraftwerken wird dann weiter auf die Spitze getrieben: Einerseits seien diese natürlich mit Gas zu betreibenden Kraftwerke (Gas- und Dampfkraftwerke), die über die Kohlenstoffverbrennung günstigere Umsetzungsgrade der Primärenergie erreichen, eben nicht CO2-neutral. Andererseits müssten die Kraftwerke, wenn sie schon gebaut werden müssen, rund um die Uhr laufen können, um eine bessere Wirtschaftlichkeit zu erreichen. Die regenerativen Energiegewinnungseinrichtungen sind nach dieser Logik gar nicht notwendig.

Zu kurz gesprungen ist hierauf die Antwort, die Alt-Struktur wird so nicht verlassen. Netzstabilität für die Neu-Struktur muss einerseits nicht bedeuten, dass diese mit den Mitteln der Alt-Struktur hergestellt werden muss. Die Neu-Struktur hat viele kleine Inseln, die sich bei Lastspitzen zunächst auch gegenseitig stützen, bevor aus den Speichersystemen Energie – auch wiederum regional – ausgekoppelt und verstromt wird.

Bezahlbarkeit

„Viel zu teuer!“, ist hier die nach Rettungsanker suchende Antwort der Alt-Strukturler, „viel zu teuer“ sei der Aufbau eines Dezentral-Systems mit Speichersystemen und Rückverstromungseinrichtungen (z.B. Kraft-Wärmekopplung). Das mag aus heutiger Sicht noch so sein. Aber gerade hier ist eine Ingenieur-Generation gefragt, den schon von den Großvätern bekannten Umwandlungs-Prozess über die Elektrolyse zum Methan im großen Stil in die Wettbewerbsfähigkeit zu führen. Und immer bleibt der mahnende Finger der Alt-Strukturler in Sichtweite, mit dem Ruf, dass die Großkraftwerke ja gebaut, deren Investition ja getätigt sei und man diese Anlagen nun doch nicht einfach abschalten und abbauen könne, was bis zum Wiederanfahren der schlummernden Kern-Kraftwerke geht. Das aber ist der eigentliche Preis, um die klammernde Alt-Struktur zu verlassen und damit den Weg zur Energiewende frei zu machen.

In diesem Zusammenhang bleibt es wichtig, auf weitergehende Studien zu verweisen, die auch mit dem billigen Strom aus Kohle- oder Kernkraftwerke aufräumen, so etwa die Studie „Was Strom wirklich kostet“ des FORUM ÖKOLOGISCH-SOZIALE MARKTWIRTSCHAFT (FÖS) aus dem April 2011 im Auftrag der in der Neu-Struktur denkenden GRENNPEACE ENERGY eG.

Hier wird gezeigt, dass bereits heute die Windenergie mit 7,6 Cent/kWh die preiswerteste Energieform ist, gefolgt vom Strom aus Braun- und Steinkohle-KW mit je 12,1 Cent/kWh Energie. Atomstrom ist mit 12,8 Cent/kWh deutlich teurer und eben nicht für 3,5 Cent/kWh, wie oftmals zu gerne dargestellt, zu haben. Derartige Betrachtungen, die sowohl die staatliche Förderung aller Energiegewinnungssysteme als auch deren gesamtgesellschaftlichen Kosten einbeziehen, sollten stets Begleiter sein in der Diskussion um „unbezahlbaren Strom“ und der Debatte um das Gelingen der zukünftigen Energieversorgung.

Gelingen der Energiewende

Zusammenfassend ist in den Studien, die sich mit dem Gelingen der Energiewende und der Entwicklung der Stromversorgung der nächsten Jahrzehnte befassen, festgehalten, dass dies nicht zuletzt eine politische und gesellschaftliche Entscheidung ist. Ein Zweifel, um vorhandene Strukturen nicht überschnell zu verlassen ist dabei durchaus sinnvoll, jedoch dann nicht mehr zu halten, wenn es nur darum geht, die Energiewende aus Eigennutz grundsätzlich zu blockieren.

Das gilt im Kleinen durch stetiges Infragstellen, ob etwa Windräder in Bayern überhaupt notwendig seien, bis hin zum finanziellen Ausnehmen der Endverbraucher durch dir großen Energieunternehmen, die ihren Eigennutz über das Allgemeinwohl stellen.

Torpedieren der Energiewende

Nach der Veräußerung der ehemals im Allgemeinbesitz befindlichen Zentralstruktur zur Stromversorgung an kommerziell wirtschaftende Unternehmen ist der Verbraucher heutzutage in die Abhängigkeit von den Eignern geraten. Aus eigenen Stücken kann er sich aus dieser Abhängigkeit kaum lösen. Technisch und politisch ist dazu der Anfang gemacht, das aber ist nicht ausreichend, wie jüngste Entwicklungen zeigen. Unser monetär aufgebautes Wirtschaftssystem verspricht denjenigen Gewinne, die am eigentlichen Prozess der Wertschöpfung nicht unmittelbar beteiligt sind, sondern nur die Macht des Kapitals arbeiten lassen. Das wiederum führt in der Energiepolitik zu grotesken Zuständen, in denen Kosten auf die Vielzahl kleiner Verbraucher abgewälzt werden, selbst über das Steuerungskonstrukt der EEG-Umlage oder die Netzumlage. Beispiele sind:

Konzerne zocken Stromverbraucher ab: Seit 2002 steigen die Strompreise heftig. Bereits Jahre zuvor hatten das die Manager der damals noch fünf deutschen Stromriesen (Bayernwerk, EnBW, RWE, VEW, Viag) öffentlich angekündigt. Die Folge: Seit einer Dekade muss der Normalkunde Jahr für Jahr rund sieben Prozent mehr für seine Elektroenergie bezahlen, gleichzeitig sanken die Kosten der Industrie wegen Abgabenbefreiung um zwölf Prozent.

Netzumlage-Missbrauch: Ein großes Energieunternehmen aktiviert für seinen Versorgungsraum Bayern in Zeiten knapper Energielagen (Winter 2011/12), als ein Atomkraftwerk unplanmäßig ausfiel, ein ihm vertraglich gebundenes Kaltreserve-Kraftwerk mit Ölbefeuerung (im österreichischen Graz). Gleichzeitig bestand eine Lieferverpflichtung an Italien. Nun prüft die Bundesnetzagentur, ob es Rechtens war, die Kosten für die Inanspruchnahme der Kaltreserve über die Netzumlage dem deutschen Verbraucher zuzurechnen, da zum fraglichen Zeitpunkt in Süddeutschland eben keine besonders hohe Stromlast herrschte. Für den Verbraucher bleibt der Vorgang selbst völlig nebulös (und fast niemand ahnt hiervon etwas), indem allenfalls umschreibend von einem Verdacht berichtet wird, dass die Kaltreserve-Inanspruchnahme eigentlich dem Schaden im unternehmenseignen Kraftwerk (dessen Folgen auch von Energieunternehmen auf andere Weise hätte kompensiert werden können) bei gleichzeitig eingegangener Extern-Lieferverpflichtung zuzurechnen ist und nicht einer realen Verknappung im Versorgungsgebiet durch den Verbraucher selbst. Und das war es dann auch schon: unbemerkt hat der Verbraucher die Rechnung bezahlt.

Die Beispiele zeigen, mit welch ungleichen Waffen um die Energiewende gekämpft wird, indem der Kommerz sowohl den Verbraucher als auch die Politik an die Wand fährt, beide Abhängige seines Produkts Energie. Trotz und gerade wegen dieser Erschwernisse bleibt es Ziel die Energiewende zu einem Erfolg werden zu lassen. Die Dezentralisierung ist hierzu der Schlüssel, den es gilt, nicht aus der Hand genommen zu bekommen.

(Stand Juni 2012)